Dieser Beitrag ist bereits vor zwei Jahren (Herbst 2013) entstanden. Aus Anlass des 130. Streckenjubiläums mit dem bemerkenswerten Bahnhofsfest in Ortmannsdorf wird diese "Konserve" nun veröffentlicht. Eine Kurzfassung erschien bereits im LokMagazin 3/2015 auf den Seiten 110-111.

Der Mülsengrund ist ein malerisches Seitental der Zwickauer Mulde östlich von Zwickau. Das Tal des Mülsenbaches ist dicht bebaut und weist eine vergleichsweise hohe Bevölkerungsdichte auf. 1999 schlossen sich acht Gemeinden zu Mülsen zusammen und bilden seither "das größte Dorf Sachsens". Nicht in Vergessenheit geraten, aber doch schon weit in der Vergangenheit liegend, ist die Tatsache, dass auch der Mülsengrund einst eine Eisenbahnstrecke sein Eigen nannte. Diese 750-mm-Schmalspurbahn existierte vom 1. November 1885 bis zum 20. Mai 1951. Die mit der sächsischen Streckenbezeichnung "MO" versehene Linie begann vor den Toren Zwickaus im Bahnhof Mosel, an der Strecke Dresden Chemnitz Werdau (DW-Linie). Gleich zu Beginn beschrieb die Strecke einen starken Rechtsbogen, über die Talaue der Zwickauer Mulde. Nach deren Querung reiste man durch den zunächst noch locker besiedelten Mülsengrund südwärts. Nach sieben Unterwegsstationen und 13,94 Kilometern war schließlich der Endpunkt Ortmannsdorf erreicht. Die Folgen des Zweiten Weltkrieges besiegelten das Schicksal der Bahn verfrüht, ihr Ende wäre aber wohl ohnehin spätestens Ende der 1960er Jahre gekommen. Nun mag man davon ausgehen, dass mehr als sechs Jahrzehnte nach dem Streckenabbau von dieser romantischen Bimmelbahn anno 2013 nichts mehr übrig ist. Aber erfreulicherweise haben viele Zeitzeugen bis heute überlebt (sogar mehr als bei vielen erst in den 1990er Jahren stillgelegten Regelspurstrecken) und werden teilweise von Anwohnern und Eisenbahnfreunden liebevoll gepflegt. Seit Juli 2012 gibt es sogar wieder einen passenden Reisezugwagen im Mülsengrund! All dies ist Grund genug der unvergessenen MO-Linie auch auf eisenbahnseite.de ein würdiges Denkmal zu setzen.

Der Bahnhof Mosel an der heutigen Kursbuchstrecke 510 hat aktuell noch Bedeutung durch den in der Ostausfahrt angesiedelten Werkskomplex eines großen Automobilherstellers, welcher über eine umfangreiche Anschlussbahn verfügt. Im Bahnhof selbst herrscht die (gewohnte) Tristesse. Das Empfangsgebäude aus dem Jahr 1875 steht noch, allerdings leer. Neben den beiden Streckengleisen der DW liegt das Gleis der Güterzugstrecke Zwickau Crossen Mosel (ZCM-Linie), welche noch bis zum Gewerbegebiet Zwickau Nord vorhanden ist. Zwischen 1887 und 1895 führte bis zur Papierfabrik in Crossen ein 3,5 Kilometer langes schmalspuriges Anschlussgleis! Es wurde durch die ZCM überflüssig.

Anschließend wurde die Zwickauer Mulde auf einer 52 Meter langen Brücke überquert. Von diesem markanten Bauwerk kann man heute leider nichts mehr erkennen (Fundamente sollen wohl noch im Erdreich schlummern). Auch von der ersten Unterwegsstation (Haltepunkt Wulm) ist heute außer einer Gedenktafel nichts mehr auszumachen, sodass auf eine Aufnahme verzichtet wird.

Nein, diese Aufnahme ist selbstverständlich nur eine Fotomontage! Der Kenner merkt dies natürlich sofort an den für damalige Verhältnisse viel zu mächtigen Stämmen der "Bahnulmen", dem nicht-originalen Stationsschild, der fehlenden Weiche im Vordergrund und und und ...

Die kleine Spielerei soll aber auch die Besonderheit verdeutlichen, dass das Stationshäuschen hier unüblicherweise quer zum Schienenstrang platziert wurde.

Zum Fahrzeugeinsatz auf der MO-Linie: Die ersten Jahrzehnte dominierte die I K, ab und an kam auch eine III K zum Einsatz. Die letzten drei Jahrzehnte waren der IV K vorbehalten. Eine der "Stammloks" – 99 535 – kann heute im Dresdner Verkehrsmuseum besichtigt werden. Es war im Regelfall nur eine Lok mit einem Zug auf der Strecke unterwegs. Rollbock- oder gar Rollwagenverkehr gab es nie.

Hier kann man die gleiche Stelle zu Betriebszeiten sehen.

Die Gleispläne der Bahnhöfe/Haltestellen waren nahezu identisch. Es gab zwei parallele Gleise, wobei das Nebengleis in mindestens einer Richtung stumpf endete (drei Weichen). Neben einer Wartehalle waren ein Bahnsteig, ein Wagenkasten und ein Freiabtritt zumeist das höchste der Gefühle. Dies verdeutlicht die vergleichsweise geringe wirtschaftliche Bedeutung dieser Strecke.

 

Und so sah die Brücke zu Betriebszeiten aus.

Zum Vergleich wieder ein Link in die Vergangenheit.

Neben diesen sehenswerten Relikten wird die Erinnerung an die Mülsengrundbahn auch durch Modellbauten und Literatur am Leben erhalten.

Epilog

Am 17./18. Oktober 2015 organisierte das im Ortmannsdorfer Bahnhofsgebäude wohnende Ehepaar Werner ("Mülsener Fenster Michel") ein Bahnhofsfest anlässlich "130 Jahre Mülsengrundbahn". Der Tatsache, dass die Schmalspurbahn nun schon fast genau so lange Geschichte ist, wie sie einst existierte, zum Trotz, sollte nach gut 64 Jahren wieder eine IV K auf dem Ortmannsdorfer Bahnhof fahren. Eigens für diese zwei Tage wurden ca. 150 Meter Gleis provisorisch verlegt und 99 582 aus Schönheide per Tieflader herangeschafft. Den organisatorischen und finanziellen Aufwand für dieses "Spektakel" will man sich lieber nicht im Detail vorstellen. Jedenfalls wurde das Fest trotz eher schlechten Herbstwetters sehr gut angenommen.

© 2013-2015 MBC

Wer sich ausführlicher mit dieser Strecke beschäftigen will, kommt am Buch zur Strecke nicht vorbei. Es kann uneingeschränkt empfohlen werden und diente auch für diesen Beitrag als wichtiger Anhaltspunkt:

Rasch/Heinrich/Drosdeck (2010): Schmalspurbahn Mosel – Ortmannsdorf. Die Geschichte der Mülsengrundbahn 1885-1951. Sonderausgabe zum 125. Streckenjubiläum 2010. Schönheide: FHWE.

 Link zum Arbeitskreis Mülsengrundbahn

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